Montag, 5. August 2013

Nischni Nowgorod Tag 1

Promenade
Da es heute Morgen geregnet hatte, haben wir für unsere erste Tour durch Nischni die Räder stehen lassen und uns zu Fuß auf den Weg gemacht. Mit dem Wetter hatten wir bisher richtig Glück. Es ist zwar nicht so heiß wie momentan in Deutschland, doch durch die hohe Luftfeuchtigkeit fühlen sich die 26 Grad viel wärmer an - und uns ist es richtig heiß!

Wir haben für heute nur einen vagen Plan. Zuerst einmal wollen wir etwas von der Stadt sehen und später, gegen Abend, werden wir uns wohl mit Elena Belova treffen. Elena hat uns vor zwei Jahren bei der Friedenstour in Lyskovo, Dscherzschinsk und Vijasniki organisiert - die Vorfreude auf das Wiedersehen ist bei mir sehr groß.

Unser Hotel liegt ein bisschen außerhalb, so müssen wir zuerst einmal an der
Blick auf die Wolga
vielbefahrenen Ausfallstraße Richtung Zentrum entlanglaufen. Nach 25 Minuten haben wir das hinter uns gebracht und werden durch eine lange Promenade oberhalb der Wolga in Richtung Kreml belohnt. Sehr schön, sehr ruhig und am Vorbeigehen bewundern wir die Jugendstilbauten - wirklich ein Blickfang. Die Promenade endet direkt vor dem Kreml am Tschkalow-Denkmal - von hier hat man einen herrlichen Blick auf die Wolga und in das weite Hinterland. Vom Gewitter ist der Himmel noch ein bisschen bedeckt - das wird sich wohl in den nächsten Tagen ändern, wir müssen dann unbedingt nochmal an diesen Platz zurückkommen.

Wir wandern gemütlich durch den im 16. Jahrhundert erbauten Kreml, bewundern die mächtigen Mauern und schauen uns das ausgestellte Kriegsgerät aus dem 2. Weltkrieg an. Eine Katjusha (Stalinorgel) ist eigentlich ein sehr einfaches Gerät, aber dafür auch ein sehr effektives! Ein gutes Beispiel dafür, dass wirkungsvolle Waffen nicht kompliziert sein müssen, gut, dass wir diesen Abschnitt der Geschichte hinter uns haben!!

Auf der gegenüberliegenden Seite verlassen wir den Kreml mit Blick auf die Einmündung der Oka in die Wolga. Die Oka wird uns auf der
Am Tschkalow Denkmal
nächsten Radetappe bis Murom begleiten.

Neben dem Kreml beginnt die Fußgängerzone mit ihren vielen Cafés, Restaurants und Geschäften - genau richtig um Eis zu essen und Kaffee zu trinken. In der Fußgängerzone liegt auch das Gebäude der Staatsbank, ein im altrussischen Stil errichtetes und somit ein burgähnliches Gebäude. Das Gebäude wird auch scherzhaft als "goldener Geldbeutel Russlands" bezeichnet, weil hier etliche Jahre lang die Goldreserven des russischen Reiches gelagert wurden. Wir, als oberschwäbische Landsleute, haben das Bauwerk zuerst für eine alte Kirche gehalten. ;-)

Katjusha
Auf dem Rückweg zum Hotel klingelt das Telefon: Elena wird uns am Abend im Hotel besuchen, sehr schön! Im nächstgelegenen Supermarkt kaufen wir uns das Abendessen ein. Wer glaubt in einem russischen Supermarkt umdenken zu müssen, der irrt! Ein großer Teil der angebotenen Produkte sind aus Westeuropa und so entdecken wir neben der Almette, den Ehrmann und Danone Joghurt, deutsches Bier, Milka Schokolade und viele andere deutsche Produkte. Die deutsche Wirtschaft ist in Russland schon längst angekommen und erobert den Markt.

Mündung der Oka
Wir warten auf Elena und vertreiben uns die Zeit mit Picknick auf dem Bett im Hotelzimmer. Im Gegensatz zu den Leuten hier, kaufen wir bevorzugt russische Produkte. Das wird immer wieder mit Kopfschütteln quittiert - die Parallelen zu den neuen Bundesländern drängen sich auf; auch dort wurden hauptsächlich westliche Produkte gekauft, bis die heimische Wirtschaft komplett darnieder lag.... пло́хо!

Dann gibt es für uns eine tolle Überraschung! Noch vor Elena trifft Andrey Logvinov ein. Ich lernte Andrey bei der Friedenstour kennen, als er und seine Freunde uns das letzte Stück des Weges nach Dscherzinsk begleitet haben - was für eine Freude, damit hatten wir nicht gerechnet!
Fußgängerzone
Elena kommt zusammen mit Julia, einer jungen sympathischen Russin, die, wie auch Andrey, ausgezeichnet Englisch spricht. Wir sitzen gemütlich im Frühstücksraum des Hotels, trinken Kaffee, freuen uns über unser Wiedersehen und besprechen den folgenden Tag. Wie schön, unter Freunden zu sein...

Übrigens: Wir sind heute 14 Kilometer gelaufen - morgen nehmen wir wieder das Rad! ;-)


Staatsbank
Nowgoroder Dramatheater
Picknick im Hotelzimmer
Wiedersehen mit Elena, Julia und Andrey





Sonntag, 4. August 2013

Lyskovo - Nischni Nowgorod (90 km)

Die ruhige Lage des Hotels und das gute Bett haben ihre Wirkung nicht verfehlt: Wir haben ausgezeichnet geschlafen und uns von den gestrigen Anstrengungen gut erholt. Wir sind früh aufgestanden, da die Fähre über die Wolga schon um 8:15 Uhr ablegt. Nach einem etwas spartanischen Frühstück Weißbrot, Käse, Wurst (für mich 2 x Wurst, da Doris keine Wurst isst ;-)) und löslichem Kaffee begleitet uns die nette Dame von der Rezeption noch bis zum Tor Richtung Fähre und nach zwei Minuten fahren wir auf dieselbe.

Die Fähre von Lyskovo nach Markajewo fährt vormittags nur einmal. Die Fahrt dauert ca. 40 Minuten und kostet für zwei Personen und zwei Räder 160 Rubel (ca. 3,50 Euro)  - das ist sehr günstig und könnte ein Vorbild für die Bodenseefähren sein - dort kostet die Überfahrt mit Rad ein Vielfaches....

Der Vergleich mit dem Bodensee ist übrigens durchaus angebracht, da die Wolga, immer noch als Auswirkung der Stauung in Cheboksary, eine Breite von mehreren Kilometern hat. Die Überfahrt ist ein Erlebnis: Durch einen Seitenarm nähern wir uns langsam dem Hauptstrom und eine riesige Wasserfläche kommt in Sicht - die Wolga ist einer der größten Ströme der Welt und seit jeher Transportweg und Siedlungsgebiet. So wurde z.B. das Material für den Bau der
Festung von Swijaschsk, als Vorbereitung der Eroberung von Kazan 1552 durch Iwan den Schrecklichen, über die Wolga aus Jaroslaw auf der Wolga transportiert.

Am anderen Flussufer kommt das 1435 gegründete Makarios-Scholtowodski-Dreifaltigkeitskloster in Sicht. Bei dem wolkenlosen Himmel ein prächtiger Anblick und wir fahren direkt darauf zu, da sich die Anlegestelle direkt neben dem Kloster befindet.

In Markajewo angekommen, gehen wir zuerst einmal ins nächste Magazin (Laden), um uns mit Getränken, Keksen und Trockenfrüchten für den Radtag einzudecken. Die Weg von Markajewo nach Bor entwickelt sich so, wie wir insgeheim gehofft haben: Auf einsamen Straßen durch kleine Dörfer mit faktisch keinem Verkehr, radeln wir nebeneinander und erfreuen uns an der großartigen russischen Natur. Da heute nur 90 km zu fahren sind, haben wir es nicht eilig. So machen wir etliche Pausen, essen hier und da ein Eis und erfreuen uns an der schönen Dorfkirche in Jamnowo.

Vor Bor nimmt der Verkehr wieder zu, wir nähern uns Nischni Nowgorod mit seinen 1,3 Millionen Einwohnern, da fällt Bor mit seinen ca. 80000 Einwohnern nicht so ins Gewicht. In Bor erreichen wir ganz einfach, dem Navi sei gedankt, die Anlegestelle der Fähre und wir können am heutigen Tag zum zweiten Mal, mit Blick auf Nischni Nowgorod, die Fahrt über die Wolga genießen.

Wir tun uns schwer das Hotel zu finden, da an der in booking.com
Makarios-Scholtowodski-Dreifaltigkeit
hinterlegten Position sich alles, nur kein Hotel befindet. Also beginnen wir damit Hausnummern zwischen linker und rechter Straßenseite zu sortieren und finden das Hotel im unteren Stockwerk eines 17-stöckigen Wohnhauses ca. 1,5 km von der angegebenen Position entfernt - den Stress könnte man durch korrekte Hinterlegung der Position in booking.com vermeiden...

Die Zimmer im Hotel sind schön und die Klimaanlage funktioniert perfekt, so entspannen wir zuerst einmal, bevor wir uns zum Abendessen
in ein nahegelegenes Café begeben. Hier werden wir von einer netten Studentin der Geschichte bedient, die alle ihre Englischkenntnisse herauskramt um mit uns zu sprechen. Wie in Deutschland, lernt man auch in Russland in der Regel Englisch oder Deutsch als erste Fremdsprache. Die meisten trauen sich nur nicht zu sprechen, da ihnen die Praxis fehlt....

Jetzt sind wir gespannt auf den morgigen ersten Tag in Nischni Nowgorod. Während der Friedenstour haben wir Nischni Nowgorod umfahren und somit ist es auch aus meiner Sicht völliges Neuland.



Dorfkirche in Jamnowo

Überfahrt von Bor nach Nischni Nowgorod

Samstag, 3. August 2013

Cheboksary - Lyskovo via M7 (158 km)

Mein Rad beladen - los geht's
So, heute geht es zur Sache. Der erste Radtag auf der M7, eine der großen Ost-West Verbindungen innerhalb von Russland. Ich bin dieses Wegstück auch vor zwei Jahren gefahren und erinnere mich an viel Verkehr... mal sehen.

Zuerst einmal anständig im Hotel Russia gefrühstückt - ein gutes Hotel mit freundlichem Personal, wir haben uns hier sehr wohl gefühlt - dann die Räder herausgeholt und mit dem Gepäck beladen - los geht's!

Nachdem wir ein paar Kilometer durch Cheboksary gerollt sind, erreichen wir ein für Russland seltenes Schild: Radweg! Rund 10 km verläuft neben der Ausfallstraße ein Radweg bis kurz vor die Einmündung der M7. Der Weg ist stark frequentiert, neben Radfahrer sind auch etliche Skiläufer auf Rollenski unterwegs - Vorbereitungen für den Winter, der nicht mehr lange auf sich warten lässt.

Einzigartig: Ein Radweg!
Dann beginnt die Fahrt auf der M7. Zunächst ist noch alles in Ordnung. Es hat zwar sehr viel Verkehr, der Seitenstreifen ist aber breit und die M7 auf diesem Abschnitt gut ausgebaut. 

Irgendwie klappert mein Garmin Navi... Ich nehme das nicht so ernst, bis es sich aus der Halterung löst, weil eine Schraube locker war. Es fällt mitten auf die Straße und hinten kommt gerade ein LKW. Der LKW rollt mit den Vorderreifen knapp dran vorbei und erwischt es dafür voll mit den Zwillingsreifen hinten - das Navi wirbelt meterhoch durch die Luft. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich durch die Großstädte irren, auf der Suche nach unseren Hotels, immerhin sind alle Anfahrten auf dem Navi gespeichert und die Städte hier sind groß.... Hier an dieser Stelle ist es Zeit sich bei Garmin für die etrex Serie zu bedanken! Es kann auch ein LKW darüber rollen, das Navi ist, bis auf ein paar Schrammen, ganz und funktioniert einwandfrei - ausgezeichnete und robuste Wertarbeit! Was war ich erleichtert!

Verkehr, Verkehr, ...
Der gut ausgebaute Abschnitt der M7 ist nach ein paar Kilometern zu Ende und es beginnt jetzt das, was ich erfolgreich verdrängt habe: Die M7 wird zweispurig, sehr eng, keine Seitenstreifen zum Radeln und die Fahrbahn hat eine Menge Löcher, Rillen und es herrscht in beiden Richtungen starker Verkehr, vor allem viele LKWs. Wenn dieselben mit teilweise 30 cm Abstand an einem vorbeifahren ist das wirklich gefährlich und man muss auf der Hut sein - und das Ganze geht noch mindestens 30 Kilometer so weiter bis zum Fluss Sura. Die Sura ist auch der Grund weswegen wir auf der M7 fahren - es gibt auf vielen Kilometern weder flussaufwärts noch flussabwärts eine weitere Brücke. 

Beim ersten Halt reißt mir Doris fast den Kopf ab! Sie könne es verstehen, wenn man das erste Mal in so eine Situation gerät, ich wäre aber ja schon zum zweiten Mal hier unterwegs und wüsste genau wie besch... es ist. Ja, da hat sie Recht, ich frage mich in
Ganz schön breit: Die Sura
solchen Abschnitten auch immer warum ich das eigentlich mache - aber auch 30 km gehen vorüber... Tapfer wie meine Frau ist, nimmt sie, nach anfänglichen Schwierigkeiten, die Herausforderung an, verteidigt trotzig ihren Platz auf der Straße und wir kommen unbeschadet an der Sura an.

Wir fahren über die neue Autobahnbrücke und ob dem breiten Seitenstreifen bessert sich unsere Stimmung merklich. Im späteren Verlauf der M7 wird zwar der Straßenzustand wieder schlechter, aber nicht so schlecht wie auf dem Abschnitt vor der Sura. 

Nach 6:42 Stunden und 158 km kommt Lyskovo in Sicht und wir biegen erleichtert auf eine kleine Nebenstraße ab. Zum ersten Mal an diesem Tag hören wir unsere Räder surren - der Krach auf der M7 ist unbeschreiblich - ich hätte meinen iPod mitnehmen sollen... ;-)

Beim ersten Dorfladen stoppen wir, um uns ein Eis zu gönnen und Wasser für die Nacht zu kaufen. Die Frau an der Kasse ist an unserer Aufmachung sehr interessiert und mit Händen und Füßen und ein paar Brocken russisch bekommen wir erklärt, was wir tun: Kazan - Moskau?, mit dem Veloziped? - das gefällt ihr sehr gut - irgendwie heldenhaft halt... In einem Dorfladen werden natürlich nicht nur Waren verkauft, sondern auch Informationen "dispatched". ;-) Als wir vor dem Laden gemütlich das Eis essen, kommt ein Mann zu uns her, drückt jedem von uns drei Äpfel in die Hand, sagt etwas über Kazan, Moskau, Veloziped - und wünscht uns eine gute Reise - wir fühlen uns hier auf dem Land irgendwie daheim und haben eine wertvolle Erkenntnis gewonnen: Wer Freunde hat, hat Äpfel!

Vor dem Hotel Parus
Wir rollen weiter durch das sehr ländliche Lyskovo hinunter an die Wolga, biegen um eine Kurve und stehen vor einem umzäunten und bewachten Gelände - das von uns gebuchte Hotel Parus ist ein ziemlich neues Gebäude in bester Lage und in bestem Standard - da können wir unsere Räder allemal vor dem Hotel stehen lassen. Zur Fähre über die Wolga sind es gerade mal 200 Meter - da haben wir es morgen früh ziemlich einfach...

Im Hotel spricht niemand Englisch oder Deutsch, was aber durch viel guten Willen und Offenheit ausgeglichen wird - wir haben viel Spaß :-) Beim Einchecken kommt uns ein Gast zur Hilfe, die ausgezeichnet deutsch mit einem starken Schweizer Akzent spricht. Ja, sie lebt eigentlich in Bern und ist hier in Lyskovo um Verwandte zu besuchen... die Welt ist wirklich klein!

Lyskovo
Beim Abendessen sind die Mädels vom Service einfach clever: sie bringen das Notebook mit offenem Google Translator mit - und wir kommunizieren sehr ausführlich mit Hilfe von Google - es lebe die moderne Technik. Natürlich hat das Verfahren auch ein paar Tücken: Bei dem Essensvorschlag für mich krümmen wir uns vor Lachen, da der Translator "Fleisch Unzucht" übersetzt. Unzüchtiges Fleisch? Ja, das will ich gerne mal probieren :-) Das Zuchtfleisch hat dann ausgezeichnet geschmeckt und für Doris haben wir mal wieder ein fleischloses Essen organisieren können - bisher hat sie noch keinen Bissen Fleisch essen müssen.

Wohlig müde und gesättigt legen wir uns schlafen und freuen uns auf den morgigen Tag: Da wollen wir mit der Fähre über die Wolga, die hoffentlich wenig befahrene Straße nach Bor nehmen und dann von Bor nach Nischni Nowgorod wieder mit der Fähre übersetzen.






Freitag, 2. August 2013

Cheboksary Tag 2

Heute Morgen waren wir mit Sergey Koltsov und Alexey Timofeev unterwegs. Unser erstes Ziel war das Traktorenmuseum von Cheboksary. In jungen Jahren war unser Sohn Fabian, wie viele kleine (oder auch große) Jungs, ein Traktorfan. Als Eltern konnten wir 26 verschiedene Hersteller von Traktoren aus dem Kopf aufsagen, das bleibt bei solcherart Interesse des eigenen Kindes einfach nicht aus. ;-)

So gerüstet betraten wir das Traktorenmuseum und dachten hier ausschließlich russische Traktoren vorzufinden... Weit gefehlt: Was wir zu sehen bekamen war, neben der Geschichte der Traktoren in Russland, eine weltweite Auswahl von Traktoren, darunter natürlich auch, wie könnte es denn anders sein, ein Lanz aus Aulendorf. Gut, dass Lukas, unser kleiner Neffe, nicht dabei war - wir wären wahrscheinlich nicht mehr hinausgekommen. Ich persönlich war noch nie in einem so gut sortierten Bulldog-Museum.

Nach so viel landwirtschaftlicher Technik, machten wir uns auf den Weg in das tschuwaschische Heimatmuseum. Da kam uns dann doch vieles bekannt vor. Die Tierwelt ist gar nicht so unterschiedlich, der Lebensstil aus früheren Zeiten auch nicht und auch nicht die steinzeitlichen Funde, die uns stark an unser Federsee-Museum in Bad Buchau erinnert haben. Sehenswert sind auf jeden Fall die tschuwaschischen Trachten und Kopfschmuck. Ein Bild mit dem Bären ist auf jeden Fall Pflicht.

Nachdem wir gestern sehr viele unterschiedliche Dinge gemacht hatten, wollten wir es heute ein bisschen lockerer
angehen. So sind wir nach dem Heimatmuseum zuerst einmal ins Hotel Wolga gegangen, um einen leckeren Kaffee zu trinken. Hier stieß Evgeniy Petrov zu uns, der uns ein Radtraining mit körperbehinderten Kindern zeigen wollte. Evgeniy spricht sehr gut Deutsch, so gingen wir wieder in den Mixed-Mode über, teils deutsch, teils englisch, da Katia ja auch dabei war.

Das Training fand auf der Tartanbahn in einem der Stadien von Cheboksary unter Anleitung von Viktor Nikolaevich statt, der mich mit seiner ruhigen und besonnenen Art stark an den Nachwuchstrainer vom RSC Biberach, Bernhard Lingenhöle
erinnerte. Viktor ist Trainer für die paralympische Disziplinen und hat seit kurzem die zwei, unter infantiler Zerebralparese leidende, zwölfjährige Zwillinge Danil und Vadim im Training. Ich bin jetzt kein Experte für diese Erkrankung, glaube aber es handelt sich um den Typ Diplegie, d.h. die Beine sind von den Koordinationsstörungen betroffen, aber nicht die Arme.

Radfahren soll den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen, so hat Mutter Serafima kurzerhand ein Kinderrad mit Stützrädern
versehen und um die normalen Pedale eine Schleife aus Stoff gemacht, damit die Füße fixiert werden können. Das klappt so leidlich - dieserart Pedale sind alles andere als optimal, um die verdrehten Füße auf dem Rad zu fixieren - Viktor Nikolaevich braucht eine Menge Geduld, bis die Füße richtig auf den Pedalen stehen. Ich denke hier können wir behilflich sein und den Jungs ein paar klassische Rennpedale mit Haken und Riemen zukommen lassen - und passende Schuhe lassen sich sicher auch besorgen. Die staatliche Förderung der paralympischen Nachwuchssportler ist in Russland, wie in vielen anderen Ländern, sehr endlich.

Es freut mich zu sehen, mit wie viel Motivation und Elan Danil und Vadim bei der Sache sind und ihre Runde drehen - förderungswürdig!

Langsam neigt sich unsere schöne Zeit in Cheboksary dem Ende zu. Wir verabschieden uns vor dem Hotel ganz herzlich von Evgeniy und Katia und beginnen unsere Sachen zu packen. Morgen geht es mit dem Rad weiter nach Lyskovo - eine ca. 160 km lange Etappe auf der Autobahn M7, da keine anderen Straßen durchgängig verlaufen - hoffentlich ist nicht zu viel Verkehr.






Donnerstag, 1. August 2013

Cheboksary Tag 1

Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll... Wir haben heute so viel gesehen, das es mir schwerfällt alles wiederzugeben und den post nicht in ein Buch ausarten zu lassen....

Also:

Um 11:00 Uhr holt uns Anatoli und Lyudmila zu einer Stadtrundfahrt vom Hotel ab. Lyudmila ist eine
pensionierte Deutschlehrerin und vertreibt sich im Sommer die Zeit mit Stadtführungen. Sie spricht ausgezeichnet deutsch, weiß viel über die Stadt und Tschuwaschien zu berichten, und vermittelt uns die Inhalte mit viel Witz.

Wir beginnen unsere Rundfahrt mit der Erinnerungsstätte des 2. Weltkrieges und als erstes erklärt uns Lyudmila ein paar Unterschiede bezgl. der russischen und der
tschuwaschischen Sprache. Tschuwaschisch ist eine eigenständige Sprache und wird in tschuwaschischen Schulen als Pflichtfach unterrichtet. Ich kann ja inzwischen ein bisschen die kyrillische Schrift lesen und habe mich schon die ganze Zeit gefragt, warum in Tschuwaschien z.B. über dem y Doppelpunkte sind? Ja, im tschuwaschischen wird das russische y, gesprochen 'u' durch die Punkte zu einem 'ü'. Das kommt uns doch bekannt vor, es spricht sich auch genauso wie das deutsche 'ü'.
Die Erinnerungsstätte hatten wir auch ganz kurz während der Friedenstour besucht. In der Höhe über der Wolga thront Mütterchen Russland über der ewigen Flamme. Vor der Erinnerungsstätte kann man verschiedenes Kriegsmaterial aus dem 2. Weltkrieg
besichtigen, unter anderem einen T-34 und eine Stalinorgel. Es ist schon beeindruckend, wie viele Erinnerungsstätten es in Russland gibt - der große vaterländische Krieg ist im Bewusstsein der Russen allgegenwärtig und fest verankert.

Auf der anderen Seite des Tales blickt uns die 48 Meter hohe Statue der Mutter der Tschuwaschen entgegen, die ihre Hände ausgebreitet und schützend über Cheboksary hält, Lyudmila erklärt uns auf ihre witzige Art, dass die Leute lange darüber diskutiert haben, wie es sein kann, dass ein Mensch zwei Mütter hat? Die Lösung ist klar! Es ist die Mutter und die Schwiegermutter! ;-)

Weiter geht's mit dem Auto ins Tal zum Salif, der Flaniermeile von Cheboksary. Bei schönem Wetter tummeln sich hier eine ganze Menge Menschen um spazieren zu gehen,  mit den Rollerskates zu laufen oder sich ganz einfach an der Wolga zu erfreuen, die hier, aufgrund der Stauung durch das Kraftwerk, mehrere Kilometer breit ist. Für den Bau des Kraftwerkes hat Cheboksary einen hohen Preis bezahlt - der aufgestauten Wolga fiel ein großer Teil der ursprünglichen Altstadt zum Opfer. Sehr schade, ich hätte sie gerne gesehen.

Am Salif befindet sich auch das tschuwaschische Nationalmuseum und das Dramatheater. Das Nationalmuseum werden wir morgen besuchen. Schön ist auch, wie hier mit den Helden des Sports umgegangen wird. Alle Namen der Olympiasieger und Weltmeister aus Tschuwaschien sind am Salif in großen Tafeln verewigt - hier werden die Helden nicht vergessen!

Nachdem wir kurz durch die kleine Fußgängerzone gegangen sind, dabei Steine gestreichelt haben und uns auf dem Stuhl des Denkmals zum Film "Die dreizehn Stühle" haben ablichten lassen, begeben wir uns ins nahegelegene Männerkloster, das gerade renoviert wird. Anatoli erzählt uns, das an Festtagen die Gottesdienste bis zu drei Stunden dauern - und in orthodoxen Kirchen wird gestanden, es gibt keine Stühle!

Bei der Gelegenheit erzählt uns Lyudmila, mit welchen sanften Methoden man früher die heidnischen Tschuwaschen für das Christentum gewonnen hat:  Jeder der Handel treiben wollte, musste in der Kirche sein bzw. wurden dann die Steuern reduziert. Der Zulauf war enorm! ;-) Der Gründer meiner Glaubensrichtung, Martin Luther, wäre damit wohl nicht einverstanden gewesen...

Bei einem kleinen Abstecher in den kleinen erhaltenen Teil von Cheboksary wandeln wir über der Wolga unter Linden. Hier treffen sich die frisch Verliebten - das kann ich gut verstehen.

Weiter geht's zum tschuwaschischen Oper- und Balletttheater, von wo man einen schönen Ausblick auf das am gegenüberliegenden Hang befindliche Regierungsviertel hat. Unten im Tal sieht man den Salif, auf dem man schön Radfahren kann, da komplett autofrei - das ist in russischen
Städten schon eine Seltenheit!

Nach einem Stückchen Fahrt kommen wir beim Tschapajew Denkmal heraus. Wassili Iwanowitsch Tschapajew wurde im Dorf Budukai, das heute zu Tscheboksary gehört, geboren und hat im revolutionären Kampf der Bolschewiki gegen die Menschewiki als Heerführer große Verdienste erlangt. Er ist in Russland sehr bekannt und populär. Lyudmila
hat dazu eine nette Anekdote auf Lager: Der große Fußballer Pele kommt nach Moskau auf den roten Platz und niemand grüßt ihn bzw. erkennt ihn. Ein bisschen beleidigt fragt er einen Mann, "erkennst Du mich nicht? Ich bin der bekannteste Mann der Welt!". Daraufhin der Mann: "Oh, Entschuldigung, dann musst Du Tschapajew sein...". ;-)

Wir fahren weiter zur Universität von Cheboksary. Hier kann man viele verschiedene Fächer und unter anderem auch Betriebswirtschaft
und Management studieren. Mir gefällt die Architektur sehr gut - viele sind Ende des 19. Jahrhunderts entstanden.

Hier verlässt uns auch Lyudmila, da die Stadtführung zu Ende ist. Es war sehr kurzweilig, herzlichen Dank Lyudmila!

Zum Mittagessen begeben wir uns in ein äußerlich
unscheinbares Restaurant, das sich aber im Inneren als astreiner Ungar entpuppt. Ich esse Fleisch in Erdbeersoße, sehr lecker. Herzlichen Dank Anatoli für die Einladung!

Während des Mittagessens stößt auch Katia (Ekaterina Smelova) zu uns. Katia studiert Management an der Universität von Tscheboksary und wird uns den restlichen Tag begleiten - ab jetzt reden wir wieder englisch.

Nach dem Essen fahren wir aus Tscheboksary hinaus, um das Museum zu Ehren von Andrin Nikolaev zu besuchen. Nikolaev, geboren in Tschuwaschien, war der dritte Mensch im Weltraum und stellte 1970 mit 14 Tagen im Weltraum einen neuen Langstreckenrekord auf. Wir besichtigen das Museum, zu dem auch die Blockhütte gehört, in der Nikolaev aufgewachsen ist. Einmal mehr bin ich beeindruckt von der
Heldenverehrung, den einfachen Verhältnissen in denen Nikolaev aufwuchs und der alten Singer Nähmaschine mit Handrad in seinem Elternhaus - irgendwie war da Deutschland auch daran beteiligt... ;-).  Katia übersetzt alle Vorträge für uns ins Englische - Liebe Katia, Danke für Deinen Einsatz, ohne Dich hätten wir nicht so viel verstanden.

Ganz in der Nähe baut Anatoli zusammen mit Alexander eine Biogasanlage, um mit dem gewonnenen Gas ein Gewächshaus zu betreiben.
Biogasanlagen sind in einem Land wie Russland, das viele Erdgasreserven besitzt, was sehr Neues. Es geht hier auch nicht um den Verkauf des Gases, sondern um damit weiterführend im strengen russischen Winter Gemüse anzubauen. Eine interessante Idee - ich bin gespannt wie sich das entwickelt...

Weiter geht es im Anschluss nach Mariinskiy Posad, einer Kleinstadt direkt an der Wolga, um eine weiteres
Museum zu besuchen. Mariinskiy Posad wurde nach Maria Feoderova, der Frau von Iwan dem 3. benannt. Hier gibt es ein kleines Museum im ehemaligen Haus eines Händlers aus dem 19. Jahrhundert, in dem wir nachvollziehen können, wie die Kaufleute damals gelebt haben. Wir gehen wieder auf die deutsche Sprache über, da Anatoli den Vortrag der Führerin für uns ins Deutsche übersetzt. Zum Abschluss gibt es ausgezeichneten Kräutertee.

Wieder zurück im Hotel treffen wir Alexey und Sergey, die uns morgen begleiten werden, da Anatoli und Alexander beruflich nach St. Peterburg müssen.

Abends klopft es noch an unsere Hotelzimmertür und Alexander Kapitonov schaut noch kurz vorbei, um sich vor der Abreise von uns zu verabschieden - sehr nett!

Anatoli, Lyudmila, Katia und Alexander: Vielen herzlichen Dank für diesen tollen Tag mit so vielen Informationen über Tschuwaschien!